Ich verfasse diesen Post heute früh, denn irgendwie musste ich eine Nacht über das Gesagte nachdenken können.
Nachdem wir gestern von unserem Stadtbummel zu Vika und Alex zurückgekehrt sind fand sich die Zeit für Gespräche.
Irgendwie kam es anscheinend erst jetzt deutlicher zur Sprache das Clemens ebenfalls, für meinen Studienzeitraum, in Tallinn bleiben wird und er erzählte von den großartigen Konditionen seines Arbeitgebers, die es ihm ermöglichen ein Sabbatical (Auszeit) zu machen.
Ich hingegen merkte an, dass sich im Verlauf meiner Studienzeit der ursprüngliche Gedanke nach Australien oder Neuseeland gehen zu wollen änderte und ich mich für Clemens umentschied in Europa zu bleiben, damit er es einfacher hat mitzukommen.
Noch immer kommen mir die Worte, die Vika dann zu uns sagte, wie in einem schlechten Traum vor "Neuseeland klingt wie ein Märchen für uns". Daraufhin erzählten sie uns wie viele Auflagen ein Mensch in der Ukraine erfüllen muss um überhaupt Reisen zu dürfen. Um zum Beispiel ein Visum für Deutschland zu erhalten müssen sie der deutschen Botschaft nicht nur den Personalausweis oder einen Reisepass vorlegen. Es benötigt bezahlte Hin- und Rückflugtickets, ein bezahltes Hotel für den Aufenthalt und einen Zeitplan für den Reiseinhalt, bei dem für jeden Tag festgelegt sein muss was sie sich ansehen möchten. In Gesprächen müssen sie ihre Reisegründe näher erläutern und selbst wenn sie alle Papiere und bezahlten Rechnungen vorgelegt bekommen, dann kann es ihnen immer noch passieren dass das Visum abgelehnt wird und ihr Geld für den Visumsantrag verloren ist.
Mit einem Mal fühlte ich mich wahnsinnig schlecht, wie wir da so saßen und von unseren tollen Reiseplänen sprachen. Mir war nie bewusst, wie schwierig es für andere Menschen innerhalb Europas sein könnte eine Reise anzutreten. Vika sagte noch mehrmals "Wir sind nicht frei", das schockierte mich sehr.
Ich danke Gott dafür das wir das Privileg haben in Deutschland aufgewachsen zu sein. Einem Land mit einem System, das uns bei Arbeitslosigkeit auffängt und in dem die Bildung einigermaßen bezahlbar ist. Ein Land, welches wir so einfach verlassen können, wenn wir etwas Neues entdecken wollen. Dass die reine Staatsbürgerschaft ausreicht um sich eine Wohnung in Tallinn zu mieten, obwohl uns der Vermieter noch nicht mal kennen gelernt hat.
Ich möchte lernen meine Freiheit mehr zu schätzen.
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