Sonntag, 28. August 2016

Endlich wieder unter Geschwistern

Es ist Sonntag und die Sonne scheint. Endlich können wir die Gemeinde und unsere Geschwister hier treffen!

Von dem Zeitpunkt an, als wir in Tallinn angekommen sind, war es etwas merkwürdig für uns, keine Geschwister um uns zu haben. In den vorherigen Städten Riga, Vilnius und Warschau sind wir immer von Mitgliedern der jeweiligen lokalen Gemeinde empfangen worden - meist sehr herzlich. Hier in Tallinn haben wir jedoch noch niemanden aus der Gemeinde kennenlernen können. Jemand, der die Wärme und Herzlichkeit dieser Gemeinschaft nie erfahren hat, kann sich wahrscheinlich auch nicht vorstellen, welch einen Unterschied es für uns macht.

Heute jedenfalls ist Versammlung und wir gehen hin! Die Gemeinde organisiert sich über eine Facebook Gruppe, da es keine unabhängige Website gibt und Facebook alle notwendigen Mittel ausreichend zur Verfügung stellt. Die Adresse ist somit schnell gefunden - nur die Zeit leider nicht, da alle Erklärungen auf Estnisch zu sein scheinen. Also peilen wir wie in München 11 Uhr an und machen uns entsprechend auf den Weg. Ebenfalls wie in München verkalkulieren wir uns mit der Zeit und kommen viel zu knapp in dem Hotel an der angegebenen Adresse an und sehen - niemanden.

Niemand? Nicht mal eine Rezeption vom Hotel? Das würde man doch zumindest erwarten. Ich überlege kurz. Vielleicht geht der Gottesdienst hier ja doch erst um 12 los. Hm. In einem der Versammlungsräume im Erdgeschoss, durch dessen Glastür man hineinsehen kann, sind ein paar Leute zu sehen, die auf dem Podium etwas aufbauen und vorbereiten. Das könnte es sein! Also rein und nachfragen und - tatsächlich! Wir sind eine ganze Stunde zu früh da!

Was heute unbeabsichtigt passiert ist, hat uns jedoch so gut gefallen, dass wir schon überlegen, nächste Woche wieder einfach eine Stunde früher da zu sein. Wir wurden nämlich gleich von Monika freundlich begrüßt und da sie bei den Gesangproben für den Gottesdienst nichts zu tun hatte, stand sie die ganze Zeit bei uns, hat sich mit uns unterhalten und hat uns alle dazukommenden Geschwister vorgestellt. Natürlich waren es mal wieder viel zu viele Namen, als dass ich auch nur die Hälfte davon behalten konnte. Dieser Empfang war jedoch genau das, was uns seit unserer Ankunft so gefehlt hat!

Während des Gottesdienstes sitzen wir in der letzten Reihe und bekommen eine englische Übersetzung von hinten souffliert, während auf der Bühne simultan von Estnisch auf Russisch übersetzt wird. Bis auf ein russisches Lied (das wir dann leider überhaupt nicht lesen konnten) wird auf Estnisch gesungen, was bedeutet, dass wir zwar nichts verstehen, aber zumindest mitsingen können, da der Zusammenhang zwischen Schrift und Aussprache sehr direkt ist. Auch schön!

Nach dem Gottesdienst sind wir mit Reto verabredet, einem Bruder aus der Schweiz, der mit einer Estin verheiratet ist. Bis wir das Gebäude verlassen können, dauert es jedoch wieder recht lange, da immer noch mal Geschwister auf uns zukommen um uns kennenzulernen. Zuletzt wollen wir uns auch Kaido, dem Gemeindeleiter, noch kurz vorstellen. Wir hatten vorher zwar schon einigen Email-Austausch, haben uns aber noch nie direkt gesprochen. Kaido lädt uns prompt für Mittwoch zu Mittag oder Abendessen ein (das müssen wir noch festlegen), bevor wir endlich draußen vor dem Hotel auf Reto und seine Frau Kamille sowie deren beide Kinder treffen. Sie nehmen uns zum Mittagessen mit zu sich nach Hause und wir genießen die zwei Stunden, die wir mit ihnen verbringen dürfen sehr, insbesondere weil wir mit ihnen auf Deutsch reden können.

Nach dem köstlichen Essen, dass durch ein paar Bissen schweizer Schokolade und einen Kaffee abgerundet wurde, bringt Reto uns gegen 4 zurück in die Stadt, weil wir noch die Altstadt besichtigen wollen. Während es am Vormittag, auf unserem Hinweg zur Gemeinde, noch wunderbar warm und sonnig war (also knapp über 20 Grad), zieht es sich mittlerweile etwas zu und kühlt ab. Die Altstadt um den Domberg scheint recht leer zu sein, in Richtung des zentralen Marktplatzes treffen wir dann aber doch auf etwas mehr Leute.

Tallinns Altstadt bringt tatsächlich sehr viel mittelalterlichen Charme mit sich. Das Gebäude, in dem Sarahs erstes Treffen am Freitag stattfinden wird, ist ein ehemaliges Gildenhaus. Auf unserem Weg durch die Altstadt kommen wir an massiven Stadtmauern und Kunsthändlern, sowie einigen mittelalterlichen Restaurants vorbei, die mit entsprechend gekleideten Marktschreiern/-schreierinnen für ihr Angebot werben.

Auf dem Weg nach Hause wird der Kontrast zwischen mittelalterlichen Gebäuden und moderner Architektur noch einmal besonders deutlich. Auch fällt uns wieder auf, wie gerne man hier mit unterschiedlichen Materialien arbeitet. Ein Gebäude scheint sogar im Erdgeschoss und in der ersten Etage noch im mittelalterlichen Originalzustand zu sein, während sich oben drüber eine Konstruktion aus Stahl und Glas erhebt - sehr faszinierend!

Da wir jedoch unsere Kamera nicht dabei haben und die Bilder, die unsere Handys liefern, nur behelfsweise zufriedenstellend sind, beschließen wir, dass wir morgen (so das Wetter mitspielt) besser ausgerüstet erneut in die Innenstadt ziehen und alle Eindrücke einfangen, die sich uns in den Weg werfen!

Rundum war das ein wundervoller Willkommenstag in Tallinn! Und für die kommende Woche sind wir bereits mit einige Geschwistern verabredet. Mal sehen, wie das so wird :)

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