Freitag, 23. Juni 2017

Midsommar mit Schwung


Obwohl es in diesem Haus zwei voll ausgestatte Bäder gibt, bleibt das Gefühl, zumindest als Gast, pünktlicher als die Gastgeber aufstehen zu wollen, um nicht das Badezimmer zu blockieren. Wir haben den ersehnten Tag erreicht, heute wird Midsommar gefeiert und da es geplant ist gegen 10:00 Uhr aufzubrechen, klingelt unser Wecker heute Morgen eine halbe Stunde früher als sonst. Frisch machen im Bad und dann runter in die Küche. Zum Mittagsbuffet wollen Clemens und ich einen Erdbeersalat beisteuern und dafür wollen die Früchte geschnitten werden.

Langsam erwacht das Haus zum Leben und nach einem gemeinsamen Frühstück werden die Sachen zusammengepackt und das Auto beladen. Mikael reist mit allen Söhnen per Auto an, vorher bringt er aber noch Susanne, Clemens und mich zur nächsten Tunnelbana Station. An dieser Stelle Hut ab vor unserer Gastgeberin! Obwohl sie vielen Dingen erstmal ängstlich gegenübersteht, hatte sie beschlossen mit uns die Bootstour vom Hafen in Stockholm zur Insel Waxholmen zu unternehmen. Mit der Metro stoppen wir in der Altstadt und durchqueren diese ein weiteres Mal bis zum Hafen. Wir erwischen ein kleines Boot, welches eine halbe Stunde früher ablegt, als jenes das wir eigentlich nehmen wollten.

Panorama des Stockholmer Schlosses, Rückseite.

Schloss mit Büros der königlichen Familie
An Bord kaufen wir die Tickets, ein Getränk und etwas zu knabbern und nachdem das kleine Schiff den Hafen verlassen hat nimmt es so richtig an Fahrt auf. Wie hoppeln und schaukeln nur so über die Wellen und werden immer mal wieder aus unseren Bänken gehoben. Für Clemens und mich sehr abenteuerlich, für Susanne etwas weniger witzig. Witze mache kann sie allerdings immer noch, so scherzt sie darüber, dass wenn wir unsere kleine Chipstüte geleert haben, sie sie dann zumindest verwenden könnte, falls ihr das Frühstück nochmal durch den Kopf geht. ^^

Nach rund einer Stunde legen wir in Waxholmen an und der Rest der Familie wartet bereits auf Bänken in einem schattigen Plätzchen im Hafen. Es bleibt noch ein kleiner Moment zum spazieren gehen und schon gehen wir auf das nächste Schiff, welches uns nach Ramsö bringen wird. Ich genieße die Fahrt auf dem Boot und schaue mir die kleine Inseln an, auf denen manches Mal nur ein einziges Haus steht. Die weichgewaschenen Felsen, die einfach ins Wasser hineingehen, Wälder überall, in denen kleinere oder größere Sommerhäuser stehen. Clemens fragt mich immer wieder ob ich nicht Fotos machen will, aber irgendwie habe ich das Gefühl gerade sehr schöne und private Momente mit Schweden zu erleben, bei denen ich nicht durch ein Objektiv gucken mag. Zwei Stopps später betreten wir mit Rund zwanzig anderen aus der Gemeinde die kleine Insel, welche im Archipelago Stockholm liegt.

Einige der Studenten haben kleine Rollkoffer dabei; sie planen für ein bis zwei Nächte zu bleiben. Der Rest trägt Kühltaschen mit Getränken und Lebensmittel mit sich. Nach etwas mehr als fünf Minuten erreichen wir den kleinen Hügel, auf dem das gelbe Sommerhaus der Gastgeber steht. Sören heißt uns willkommen und wir entledigen uns im Flur schnellstmöglich unserer Schuhe und Socken, um uns den sommerlichen Temperaturen anzupassen. Mehrfach hören wir heute, dass wir Glück hätten mit dem Wetter, da es sonst meist regnerischer sei an Midsommar. Eine der Studentinnen erwähnte, dass sie im vorherigen Jahr mit ihren Winterschuhen unterwegs gewesen sei, da es so warm war wie an Weihnachten. Wieder einmal fühlen wir uns wirklich gesegnet auf dieser Reise!
Alle wuseln durcheinander

Mann mit Erdbeeren
Jeder packt das mitgebrachte Essen aus

Kuchen für die Fika
Nach einer kurzen Ansprache und einem Dankgebet (natürlich auf schwedisch) beginnt das Mittagessen. Es gibt Hering in verschiedenster Form, dazu Kartoffeln und diverse Salate und ganz klassisch Erdbeeren. Wir finden uns auf der großen Terrasse ein und genießen mit den anderen unser Essen im Sonnenschein. 
Das Besteck liegt in den Servietten bereit und wurde mit gepflückten Blumen verziert

Bereits von weitem vernehmen wir Musik, denn gegen zwei starten die Tänze rund um den Maibaum. Noch während des Essens geht unser Gastgeber umher und verteilt Nubbe, zu gut deutsch einen Schnaps (Aquavit, genauer gesagt). Vor uns auf dem Tisch liegen Zettel mit schwedischen Lieder, von denen nacheinander welche angestimmt werden und am Schluss wird sich zugeprostet und ein kleiner Schluck genommen, bis es ins nächste Lied übergeht. Die Männer beginnen die Tische abzuräumen und die Frauen abzuwaschen und ich werde von den Studentinnen eingeladen, Blumen pflücken zu gehen um Kränze zu binden.

Die Zeit drängt ein bisschen und die Wege wirken bereits leer gepflückt. Ungeschickt versuche ich mich am ersten Kranz. Während die Schwedinnen und auch die zugezogenen Amerikanerinnen fleißig binden, sieht mein Kranz irgendwie traurig aus. Ich beschließe es also sein zu lassen und begebe mich mit den anderen zum Maibaum. Zum Glück hatte ich vorher noch schnell die Kamera aus dem Haus geholt, als wir den Platz mit dem Maibaum erreichen, taucht gerade Clemens in meinem Blickfeld auf, der bereits um den Baum herum tanzt. Schnell mache ich ein paar Bilder, mein Ehemann tanzt mit einer anderen Frau ^^ Ich schaue mich um und sehe überall strahlende und glückliche Gesichter. Menschen, die die Sonne genießen und sich an ihrer Tradition erfreuen.








Anfangs scheue ich mich noch etwas zu der Musik zu tanzen, irgendwann kann aber auch ich nicht mehr wiederstehen, lege die Kamera ins Gras und reihe mich mit ein. Nach drei Tänzen ist es auch schon vorbei, die ältere Dame, deren Stimme so dunkel und schon ziemlich männlich klingt, wird viel Beifall geklatscht. Das letzte Lied ist der bekannte Froschtanz. Da wir beiden selbst getanzt haben, kann ich hier nur einen Link reinstellen, wie es in etwa ausgesehen haben mag :)
Nach den Tänzen kehren wir zu unser Gruppe zurück. Anton und ein paar weitere Jungs waren Blumen pflücken für uns Mädels und sie sind wirklich fündig geworden, fleißig machen wir uns ans Binden weitere Kränze und auch ich versuche mich noch einmal und siehe da ich schaffe es einen kleinen Kranz zu binden, der tatsächlich auf meinem Kopf sitzen bleibt. Wir kehren zurück zum Haus und unterwegs versinke ich in die nächsten Gespräche.

Nora, Anton, Erica und Viktoria mit traditionellem Blumenschmuck



Mein erster Versuch eines Blumenkranzes
Wir haben bereits den Nachmittag erreicht und in der Küche finden schon Vorbereitungen fürs Fika statt. Clemens und ich finden uns wieder auf der Terrasse ein und sprechen mal mit dem einen oder dem anderen. So mancher kommt direkt auf uns zu und spricht in gebrochenem Deutsch mit uns. Obwohl wir das schon viele Male in den letzten Wochen erlebt haben, erstaunt es mich immer wieder wieviele Personen doch noch deutsch reden.
Jede Menge Erdbeeren!



Auch wenn einige Stunden dazwischen lagen, fühlt es sich so an als würden Kaffee und Kuchen direkt ins BBQ übergehen. Während der Grill angeschmissen wird erkunden Clemens und ich die obere Etage des Hauses und vom Balkon aus schaffe ich es ein Bild von einem Teil der Studentengruppe zu schießen. 


Beim Runtergehen der Treppe passiert es dann. Es gibt kein Geländer und auf der drittletzten Stufe rutscht meine Socke auf den glatten Holzstufen aus. Ich falle direkt auf den Po und meine Füße erwischen den Garderobenständer. Dieser kippt zeitlupenartig in meine Richtung, was ich natürlich nicht mitbekomme, und fällt mir direkt auf die linke Seite meines Kopfs.
Für ein Moment sitze ich dort auf den Stufen, die Kamera in meiner Hand, ein schmerzender Po, ein pochender Kopf, auf dem der Garderobenständer voller Jacken ruht und dann kommen die ersten Leute die mich aus der misslichen Lage befreien. Den Rest des Abends verbringe ich mit einem Kühlakku an meinem Kopf und das BBQ will nicht mehr so recht schmecken, da mir beim öffnen des Mundes jedes Mal die Schläfe schmerzt. Trotz allem versuche ich die gute Laune beizubehalten, lege mich aber nach einer Weile mit Kopfschmerzen im Wohnzimmer aufs Sofa. Gegen 21:30 Uhr fangen wir an unsere Sachen zusammenzusuchen und uns von allen Leuten zu verabschieden. Wir sprechen Einladungen für München aus und werden natürlich auch für Schweden und die Eckerö Konferenz, die jeden Sommer für die skandinavischen Gemeinden stattfindet, eingeladen.

Ein kleines Boot sammelt uns um kurz nach 22:00 Uhr in Ramsö ein und von ihm aus sehen wir ein Taxi Boot an uns vorbei fahren. Das glaubt man auch nur, wenn man es gesehen hat :)
Wir erreichen Waxholmen und von hier aus fahren wir mit dem Auto zurück nach Stockholm.

Während unseres Rückwegs zum Bootssteg in Ramsö hatte mir Susanne noch von der Midsommar Checkliste erzählt - Dinge, die man an Midsommar gemacht haben sollte und ich zähle mit:
- auf eine Insel fahren
- Hering, Kartoffeln und Erdbeeren zum Mittag essen
- schwedische Lieder singen und dazu Nubbe trinken
- Blumenkränze binden und tragen
- um den Maibaum tanzen
- den Froschtanz tanzen
- eine Fika haben
- ein BBQ zum Abendessen machen
- und das alles in guter Gesellschaft

Nach diesem Tag fühlen wir uns beide ein kleines Stück schwedischer als zuvor und ich bin mir sicher, das dies nicht unser letzter Midsommar gewesen ist!



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