Nach einer etwas holprigen Nacht auf der Gästepritsche, Frühstück, Waschen, Packen, und dann ab zum Gottesdienst in Riga. Wir treffen hier einige Geschwister aus Tallinn wieder, die ebenfalls beim Seminar gewesen waren, aber auch die Gäste aus den USA sind unter den Besuchern. Auch für uns ist die Wiedersehensfreude wieder einmal groß und es ergeben sich viele Gespräche während (der Pause) und nach dem Gottestdienst.
Zu lange können wir uns dann aber nicht verquatschen, weil wir zum Mittagessen mit Marcis (sprich: Marzis) und seiner Familie verabredet sind. Ich hatte Marcis bei meinem Besuch am vorherigen Wochenende kennengelernt und in seiner Kontaktaufnahme kurz darauf hatte er uns bereits eine generelle Einladung ausgesprochen, der wir so mit großer Freude nachkommen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es sich immer lohnt mit Geschwistern aus der Gemeinde eine persönlichere Zeit zu verbringen.
Nach einer kurzen Fahrt kommen wir bei Marcis Grundstück an. Einfamilienhaus und Garage, ein kleiner Hang, der zu einem Bach hinunter führt. Doch das auffallendste: Es gibt kein Grün im Garten. Ein paar blattlose Büsche säumen den Weg zum Haus, doch ansonsten ist überall nur schwarzer Mutterboden zu sehen, der durch das feuchte Wetter der letzten Tage einen sehr matschigen Eindruck macht. Als wir zum Hauseingang kommen, erwartet uns auch schon die Auflösung dieser Verblüffung: An einem kleinen Trog bekommt gerade das Hausschwein sein Mittagessen. Marcis erklärt, dass es bereits das zweite Tier dieser Art ist, das sie sich halten, und auch dieses wird bald ein vorzeitiges Ende finden. In der Natur des Schweines liegt es jedoch, den Boden nach Leckereien zu durchwühlen - Wurzeln, Nüsse, junge Baumtriebe. Auch mit dem Unkraut wird so kurzer Prozess gemacht, was ja auch was für sich hat.
Drinnen ist bereits die Essenszubereitung im Gange. Tochter und Sohn (Schätzungsweise 9 und 12 Jahre alt) helfen fleißig mit. Die älteren Geschwister, ein weiterer Bruder und eine Schwester, sind bereits ausgezogen, um im Ausland zu studieren.
Der Eindruck, es mit einer außergewöhnlichen Familie zu tun zu haben, verstärkt sich nun noch weiter. Die Küche/das Esszimmer hat ein Wand mit einer durchgehenden Arbeitsfläche und einem Regal, das voller Gläser steht. Einmach- und Aufbewahrungsgläser aller Größen, viele in Benutzung, aber sicherlich ebensoviele leer, fein säuberlich sortiert und weggestapelt. Für mich, der ich im letzten halben Jahr das Konservieren hausgemachter Speisen für mich entdeckt habe, ist es ein Traum. Sehr vieles, was in diesem Haushalt gegessen wird, ist zu einem großen Anteil selbst gemacht. Wow.
Das bezieht sich auch auf unser Mittagessen. Zur Erfrischung bietet Marcis uns eine Sanddornschorle an, die er noch schnell aus etwas Zucker, getrockeneten Früchten und Wasser mit einem Stößel zubereitet. Meine zuvor eher skeptische Einstellung zu Sanddornsaft ist vollkommen verflogen.
Als Vorspeise gibt es Gulasch. Da wir im Deutschen oft von Gulaschsuppe sprechen, korrigiert uns Marcis damit, dass das ungarische Wort "Gulasch" bereits "Rindersuppe" bedeutet. Sie ist sehr köstlich und wäre bereits vollkommen ausreichend gewesen, doch bei so viel erbrachter Mühe wollen wir natürlich den Hauptgang nicht verschmähen:
Es gibt Lasagne. Ich fürchte, dass mir das Ausdrucksvermögen fehlt, meine Anerkennung für dieses gelungene Mahl in gebührendem Maße zum Ausdruck zu bringen: Die Bolognese-Sauce lange und langsam zart gekocht, der Käse frisch gehobelt und die Nudeln vom Teig bis zur vorgekochten Nudelplatte von Hand zubereitet. Ich glaube, dass ich in meinem Lebtag noch nicht erlebt habe, dass so viel Aufwand in eine einzelne Mahlzeit fließen kann.
Ich glaube, ich werde noch lange von dieser Erfahrung schwärmen!
Während des ausgedehnten Essens ist natürlich auch weiter viel Zeit für Gespräche. Marcis arbeitet hauptberuflich als Übersetzer für die Europäische Union in den Sprachen Deutsch, Englisch, Lettisch und Ungarisch. Auch seine Frau spricht gut Deutsch, ist aber ein wenig aus der Übung gekommen. Beide haben während der Sowjetzeit in Deutschland gelebt, sich dort kennengelernt, zum Glauben gefunden und geheiratet und sind in den 90er Jahren in die Heimat ihrer Eltern, Lettland, zurückmigriert. Den Wunsch nach einer großen Familie haben sie von Anfang an geteilt, genauso wie ihre Sicht der familiären Rollenverteilung. Marcis' Frau ist mit Recht stolz darauf, hauptberuflich Hausfrau und Mutter zu sein, was uns in unserer überemanzipierten westlichen Welt gerne mal suspekt erscheint.
Wir unterhalten uns noch viel über unsere Geschichten und tauschen Erfahrungen und Gedanken aus, bis es bald halb fünf Uhr ist und wir an Aufbruch denken. Mit einem gemeinsamen Gebet und kräftigen Umarmungen verabschieden wir uns von unseren Geschwistern und neu gefundenen Freunden und begeben uns mit unserem Bus auf die lange Fahrt zurück nach Tallinn.
Was für ein wirklich wunderschönes Wochenende!
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