Samstag, 22. Oktober 2016

Ein Männerausflug

Heute waren wir im Moor.

Andrus hatte die Idee, damit wir armen Zugezogenen auch mal was von Estland sehen, was sich nicht nur auf das hiesige Nahverkehrsnetz beschränkt. Etwa 50km östlich von Tallinn liegt der Lahemaa Nationalpark, in dem sich das Viru Raba Moor befindet. Am frühen Morgen (gemessen daran, dass es Samstag ist und man eigentlich ausschlafen könnte) um halb neun haben wir uns getroffen und sind zu fünft dorthin gefahren. Die landschaftlich beste Stimmung kann man dort wohl am frühen Morgen einfangen, aber leider war es für optimale Bedingungen etwas zu bewölkt. Trotz allem war es ein einmaliges Erlebnis, auf den Holzplanken an den Tümpeln und teilweise mit einer dünnen Eisschicht überzogenen Teichen vorbeizugehen. Überall nur mannshohe Bäume, Sträucher und bodennahe Gewächse. Etwas Nebel hätte die Stimmung noch vervollständigt... musste unweigerlich an die Totensümpfe denken, als ich versucht habe, in einem der äußerst klaren aber sehr, sehr dunklen Teichen die Tiefe auszumachen... keine Chance.

Bis auf eine einzige Person, die uns irgendwo auf dem Steg entgegen gekommen ist, sind wir während der ganzen 2-3 Stunden niemandem weiter begegnet. Ab und zu gab es ein Schild am Wegesrand, das geschichtliche oder ökologische Hintergrundinformationen geliefert hat. Zwischendurch haben wir eine Pause an einer ehemaligen Torfabbaustelle gemacht, um unsere mitgebrachten Brote zu verspeisen.

Eine weitere Pause haben wir eingelegt, um uns ein wenig aufzuwärmen.
Andrus scheint ein rechter Naturbursche zu sein. Er ist Teil des estnischen Freiwilligenbatallions (Bürgerwehr? Miliz?) und daher regelmäßig zu Trainingszwecken für ein Wochenende im Wald unterwegs. So war er auch relativ unerschrocken dabei, vom Steg runterzuspringen, wenn es etwas zu zeigen gab: Wie dick ist wohl das Eis auf dem See? Schaut mal, dieses Moos kann man essen! Nom. (Sollte man aber vorher etwas einweichen. *Hust*) Hier wachsen fleischfressende Pflanzen (Morgentau; der Ausdruck klingt schon irgendwie brutal). Guckt mal hier, das ist Salvia. Wenn man daneben einschläft, kann es sein, dass man Halluzinationen bekommt... So in der Art.
Als der Holzsteg in einen Waldweg mündete und wir diesem ein Stück gefolgt waren, war er es dann auch, der ins Unterholz gehüpft ist, um kleine Äste und Rinde zu sammeln, um damit in einer kleinen Senke mitten auf dem Weg ein Feuerchen zu machen. Bei sowas denke ich mir immer, was ich doch für ein Stadtkind geworden bin. Den Ofen zu entzünden schaffe ich mittlerweile vielleicht mit einer Zuverlässigkeit von 80%. Beim Entfachen der Grillkohle habe ich mich noch deutlich dämlicher angestellt. Aber so schnell und einfach, wie wir dort ein kleines Lagerfeuer zustande bekommen haben, hätte ich sicherlich nicht gedacht, dass es geht - natürlich mit Unterstützung eines Feuerzeugs, aber auch da muss man wissen, wie es geht. Wieder was gelernt!

Als wir unsere Runde beendet hatten und zum Parkplatz zurückgekehrt sind, war dieser so übervoll mit Autos, dass sie sogar schon an der Straße standen. Erstaunlich! Der Andrang war sogar so groß, dass die Zeugen Jehowas einen Aufsteller mit Broschüren am Übergang vom Parkplatz zum Waldweg platziert haben! Wow!

Das war auf alle Fälle ein sehr lohnender Ausflug. Bei nächst bester Gelegenheit sollte ich das mit Sarah nochmal wiederholen.

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